Ich twittere es eben schon: Ihr habt es geschafft: Jetzt ist der dicke blonde Junge sauer!
Liebe Piraten, was zu Hölle geht hier gerade vor? Warum habe ich gerade das Gefühl, dass die Piratenpartei im Moment von kompletten Vollidioten überrannt wird? Warum habe ich das Gefühl, dass seit Kurzem diese Partei wieder da steht, wo sie 2009 schon stand: Zwischen Diskussionen über schwachsinnige Nazis, Naziversteher, Antisemiten, Sexisten und sonstigem Pack? Warum habe ich das Gefühl, wieder in 2009 angekommen zu sein?
Ganz einfach: Weil es fast so ist. Die Piraten sind von ~12.000 Leuten vor der AGH-Wahl auf ~25.000 Mitglieder gewachsen. Das ist mehr als das Doppelte. Alle diese Menschen haben ihre eigenen Gründe, warum sie in die Partei eintreten. Diese Gründe möchte ich erst mal gar nicht werten oder erraten, aber sicher sind auch einige dabei, die nicht verstanden haben, wie die Piraten ticken.
Schon 2009 gab es einige Mitglieder, die meinten, die Piraten wären ja für Meinungsfreiheit, also könnten sie die Partei als Plattform für ihren braunen Scheiß benutzen; ist ja auch ne Meinung (ist Faschismus natürlich nicht, es ist ein Verbrechen). Es gab auch 2009 Leute, die glaubten, da Piraten ja für das Grundgesetz stünden (was ich immer noch eine sehr seltsame Position finde, wenn man sich für die Legislative bewirbt), würden die Piraten ja sicher auch ihre fundamental christliche Ansicht vertreten, dass Abtreibungen verboten gehören. Auch 2009 gab es Leute, die meinten, die Piraten wären die Protestbewegung, um es “den da oben” mal zu zeigen. Diese Liste ließe sich sehr lange fortsetzen. Was diese Leute alle gemeinsam haben: Unrecht. Die Piraten haben es durch langes Ringen mit diesen Menschen geschafft, sie entweder los zu werden oder zumindest “kalt zu stellen” - mit Ausschlussverfahren tuen wir uns ja leider immer etwas schwer.
Durch dieses Mitgliederwachstum stehen wir eigentlich vor dem gleichen Problem, nur ist es viel größer: Diesmal müssen rund 13.000 Leute mit dem Menschenbild der Piraten vertraut werden, einige müssen verstehen, dass wir nicht ihre Nazischeiße akzeptieren. Deutlich mehr, dass wir nicht die richtige Projektionsfläche für ihren “Hass auf die da oben” sind und ein paar müssen wohl erst mal verstehen was die Aufgabe einer Partei ist und was die einer Lobbygruppe.
Diese Probleme sieht man nicht nur in manchen Äußerungen mancher, viel deutlicher sieht man sie an manchen Anträgen zum BPT: Einige wollen da über das Urheberrecht an Hitlers “Mein Kampf” diskutieren, andere wollen Resolutionen über die Lage in Syrien beschließen, wieder andere schlagen vor, dass die Piraten ein, Zitat, “zentrales Wahlkampfgremium/Büro einrichten, das in Zusammenarbeit mit einer professionellen Werbeagentur die Wahlkämpfe der Piraten auf allen Ebenen unterstützt” und ein anderer schlägt vor einen Parteirat einzurichten. OK, der ist schon länger dabei, aber wohl auch nicht ganz mit der Kultur der Piraten vertraut.
Was heißt das für die 12.000 “Alt-Piraten”? Überheblich sein? Misstrauen gegen “die Neuen” hegen? Sicher nicht! Obwohl wir jetzt auch wieder “die üblichen Verdächtigen” anziehen, bin ich davon überzeugt, dass die meisten der neuen Mitgliedern uns eine große Hilfe sind, viel Sinnvolles zu Debatten beisteuern und neue Ideen in die Partei tragen werden. Was das aber für uns “alte Hasen” heißt ist: Reden, reden, reden und klar aufzeigen, welche Grenzen es gibt, wen wir nicht bei den Piraten wollen und klar kommunizieren, was die Beschlusslage ist und wo wir hinwollen. Das wird sicher ein langwieriger Prozess, der viel Arbeit kostet und sicher bis Anfang nächsten Jahres dauert. Aber da müssen wir jetzt wohl durch, wir haben es ja so gewollt.



