wombat_beschnitten

Mit Wombats gewinnen wir keine Wahl [UPDATE]

Es ist vorbei. Aus, aus, das Spiel ist aus! Deutschland hat gewählt und die Piratenpartei hat verkackt und zwar gewaltig. Und was können „wir“ daraus lernen? In meinen Augen wurden drei kapitale Fehler gemacht (plus genug kleinere)

1. Immer noch auf Protest setzen

Die Piratenpartei setzt allzu oft immer noch auf das einfache „Wir sind anders“, nicht Inhalte sollen überzeugen, sondern Verfahren. Aber die Wahrheit ist: Wenn eine Partei schon in 4 Landtagen sitzt kann man sich nicht mehr selbst als cooler, neuer Außenseiter präsentieren und auf Verfahrensfragen verweisen. Kaum jemanden, der sich eher fragt wie er die Heizkosten zahlen soll, dürfte interessieren wie ein BuVo gewählt wird. Diese unpolitische Gehabe hat viele Symptome, von der bescheidenen Pressearbeit bis zum Shitstorm.

2. Festklammern an die eigene Filterbubble

Die Piraten setzten im Wahlkampf auf „lustige“ Wortwitze und Memes aus der Netzszene. Alles schön und lustig, nur blöderweise versteht das Opa nicht und wenn man in diesen Bundestag will muss eine Partei auch den überzeugen. Mit ein paar Wombats und „Der Computer sagt: Nein“ Jokes kommt man da nicht weit. Die Netzszene in Deutschland ist winzig, ich würde sagen, so 2%.

3. Das letzte bisschen Glaubwürdigkeit verspielen

Bei Wählen geht es zu großen Teilen vor allem um eins: Glaubwürdigkeit. Oder einfach gesprochen: Selbst das machen wofür man steht. Diese Glaubwürdigkeit wurde von den Piraten viel zu oft angegriffen. Im Programm sprechen wir von Mitbestimmung im Internet, wir selbst schaffen es aber nicht mal das Partei-intern umzusetzen. Im Programm steht was von Gleichberechtigung, wir aber lassen uns von ein paar Maskulisten und Rechtsauslegern auf der Nase rumtanzen und so weiter. Eine Partei ist kein Staat im Staate und muss es nicht allen Recht machen!

Wer jetzt aber kommt und meint (wie die „Zukunftspiraten“), die Piraten müssten wieder zurück zu den „Kernthemen“, Internet und so, der irrt. Diese Partei braucht dringend ein klares politisches Profil, mit klarer Sozialpolitik, klaren Antworten und Gesichtern die diese auch präsentieren und nicht 30 Beauftragten, deren Ansicht sich dann eh keiner mehr merkt.

UPDATE:

Da einige wohl nicht verstanden haben was ich mit Punkt 3 meine: Es geht nicht um um SMV, ja oder nein, es geht auch nicht um einzelne Sachen, es geht um Folgendes: Die Piratenpartei hatte eh schon das Image der „Chaoten ohne Plan, aber mit Internet“, unsere Glaubwürdigkeit (oder einfacher gesagt: Der Anteil der Wähler_innen, die glauben, dass wir das auch machen, was wir in unserem Programm versprechen) war eh schon nicht die Beste, wir waren jung und neu. Anstatt aber diese Glaubwürdigkeit langsam aufzubauen und das Vertrauen zu gewinnen haben wir das bisschen was wir hatten mit beiden Händen zum Fenster rausgeworfen:

Immer wieder sprechen wir uns auf Parteitagen gegen Faschismus und Rassismus aus, stellen dann jemanden auf, der Nazis als Rechtsanwalt aktiv hilft oder haben einen Kandidaten, der von „Frei, Sozial, National“ faselt (und widersprechen auch nicht mal einheitlich). Wir sprechen uns in Programmen gegen Sexismus aus, widersprechen aber Leuten nicht, die Frauen wie den letzten Dreck behandeln. Wir sprechen von „Freiheit statt Angst“ im Internet, haben aber selbst die größte Angst es auch so zu nutzen, wie wir es fordern und so weiter und so fort. Das sind nur drei Beispiele von verdammt vielen. It’s the Glaubwürdigkeit, stupid!

7 Responses to “Mit Wombats gewinnen wir keine Wahl [UPDATE]”

  1. Sibylle Ringlstetter

    Genau das ist der Punkt: klare Sozialpolitik schärferes Profil und Themen die wirklich neu sind! (BGE)
    und nicht so: die Anderen wollen einen Mindestlohn von 8,50 € , die Piraten wollen 8,65 € Allein mit den Netzthemen erreicht man eben nur 2,5%
    Sibylle

  2. Danke für die klaren Worte – kann sehr vieles nachvollziehen, auch für uns in Hessen.

  3. Sebastian Jurk

    Was für Maskulisten? Nur weil man keine Quote will die eine Ungerechtigkeit mit einer anderen bekämpft? Na und ob man aus einem neutralen Begriff wie Pirat auch noch unbedingt Pirat*in machen muss seh ich nicht. DAS ist Geschlechtertrennung. Und ehrlich gesagt denke ich dass das eher negativ ankommt beim Wähler.

    Ansonsten stimme ich dir zu.

  4. Die_Mutti

    Genauso sehe ich es auch.
    Es muss einfach viel mehr über ernsthafte Inhalte Stellung bezogen werden, die eben in der tagespolitischen Umgebung aller Bürger (ob nun netzaffin oder nicht) präsent sind.
    Die nächsten vier Jahre müssen weit entfernt von Shitstorms, Genderdebatten und dem Partei-internen Sich-das-Leben-selber-schwer-machen sein, hin zu einer überzeugenden inhaltsvollen und breiter gefächerten Politik sein!

  5. Regierungs4tel

    Ja, die Piraten ham’s gerissen. Aber nicht, weil sie kein sozialpolitisches Antlitz hatten. Das hatten sie im Grunde genommen mit dem Bedingungslosen Grundeinkommen (bei der FDP hieß es früher „Bürgergeld“, und darauf wäre um der allgemeinen Akzeptanz willen auch zu verweisen gewesen).

    Lässt sich der schrittweise (und möglicherweise ja nur vorübergehende) Untergang der Piraten nicht ziemlich präzise auf die Wahl von Johannes Ponader in den Bundesvorstand, und auf jeden einzelnen seiner Talkshowauftritte datieren?

    Evtl. rechnet das einmal jemand nach.

  6. Herzmut

    Als Jörg Schönenborn zur Halbzeit der letzten Regierung gefragt hat, warum Menschen sich für Piraten entscheiden, war die Antwort „Sie ist eine Protestpartei“ die häufigste, die er bekommen hat. Vielleicht waren die Piraten für viele niemals etwas anderes als der Protest gegen Leistungsschutzrecht, gegen Überwachung, gegen ACTA. Nicht für mich.

    Dein Plädoyer ist ein Plädoyer für das Establishment. Wir sollen anfangen, genauso zu arbeiten und zu werden, wie die anderen Parteien, weil wir nicht mehr die Youngsters sind. Denn die anderen sind erfolgreich. Diese Antwort ist falsch, und die FDP – eine Partei anzugtragender Herren, die den politischen Prozess beherrschten – liefert das Beispiel. Es ist wahr, dass wir im Wahlkampf sehr viel auf Insider gesetzt haben. Die CDU hatte eine App, die Merkel-Plakate sprechen lassen konnte – das hat viel mehr von der Technomagie aus dem Internet als die grumpy cat, die wir Piraten dem Wähler hinterherschmissen.

    Aber es ist eben auch wahr, dass es nicht die Wahlbotschaften waren, die den Wähler* nicht von uns überzeugt haben. Wir haben unsere Versprechen nicht erfüllt – die SMV ist da nur ein Punkt. Wir wollten auch „Politik ander5“ machen, und haben uns in den letzten vier Jahren mit persönlichen Intrigen beharkt. Intrigen und Rants ad hominem über Rage-Accounts – nur weil das Medium neu ist, auf dem man die Hofschranze spielt, ist es noch lange keine andere Politik. Natürlich sind Rechtsextreme und Maskus der Gilb für jede bunte Partei und man gibt ihnen auch keine Kekse. Aber es ist falsch, als eine Partei, die ganz normale Menschen in die Politik bringt, jeden zu verdammen, der einen Fehler macht, weil er politisch nicht vorgebildet ist.

    In der Außenwirkung haben die Piraten kein gutes Bild mehr abgegeben, seit Marina Weisband nicht mehr das Gesicht ist. Diesen Aspekt spricht Christopher Lauer an: „Themen statt Köpfe“ ist wahrscheinlich der größte Misserfolg der Piraten. Eine Partei ist ein abstraktes Gebilde aus verschiedenen Strömungen. Der Wähler* möchte sich orientieren und möchte kompetente Menschen sehen, die etwas wissen, und die als Wegweiser dienen, denen man folgt oder die man meidet. Wir Piraten haben keine Strukturen, keine Kompetenzteams. Wir haben lose Interessensgruppen, die wir AGs nennen und bis auf die AG Außenpolitik fällt mir keine ein, die über ihre Formlosigkeit hinaus in der Lage war, zum Parteiprogramm beizutragen.

    „Themen statt Köpfe“ machte uns zu einer formlosen Masse von Nörglern und Quatschtanten, der die zaghafte Entschlussfreude für den Schritt nach vorn durch die Rute des Shitstorms aus den Fingern geschlagen wurde.

    Piraten werden vermisst in Konferenzen, Fachdiskussionen und Podien, die sich bestimmten Themen widmen. Piraten werden nicht mehr eingeladen in Talkshows, weil jeder, der hinging, Angst haben musste, seine Meinung zu sagen.

    Wir sollten unsere Haltung ändern. Menschen nach vorn lassen, die etwas zu sagen haben. Den Größenwahn aufgeben, dass das Ich das einzige Ego ist, dass etwas bewirken sollte. Wir sollten Person und Politiker trennen. Kommentare lesen, die richtiges sagen, auch wenn einem der Autor nicht passt. Wir sollten keine Angst davor haben, dass es Piraten geben wird, die besser erklären, argumentieren, diskutieren und entscheiden. Denn es muss sie geben. Sonst gibt es uns bald nicht mehr.


    *) Eigentlich Wählerin, wenn man sich die Wahlbeteiligung nach Geschlecht ansieht. Auch eine Form der absoluten Mehrheit.

  7. […] Mit Wombats gewinnen wir keine Wahl (Philipp Brechler) […]

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