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Ausgrenzung geht uns alle an

Vor 20 Jahren wurde ein Vorort von Rostock weltbekannt: In Rostock Lichtenhagen brannte ein Asylbewerberheim und ein Wohnblock der von vietnamesischen Arbeitern bewohnt wurde. Nazis warfen Steine auf die Gebäude, angefeuert von Menschen die daneben standen. Es sind Bilder, die man nicht vergisst, auch wenn man wie ich, damals noch ein Kind war.

Bei der Aufarbeitung wird oft vergessen, dass es eine Vorgeschichte zu diesem Vorfall gab und vor allem, dass Rostock Lichtenhagen alles andere als ein Einzelfall war. Im ganzen Land gab es damals ähnliche Vorkommnisse, wenn auch nicht in dem Ausmaß. Die Rolle der Medien und der Politik wird kaum reflektiert, nicht damals und auch nicht heute. Zumindest eine interessante Dokumentation der ARD von 1993 versucht diese Problematik aufzugreifen.

Heute fragen wir uns: „Wie konnte es dazu kommen?“ Man hört viele Stimmen, die immer wieder behaupten, dass so etwas nicht mehr vorkommen könnte. Viele, Menschen meiner Generation, scheinen zu glauben, dass die Erinnerung an Lichtenhagen übertrieben seien, aus einer anderen Zeit kommen. Doch dies ist keineswegs der Fall, denn wir erleben den selben Mechanismus jeden Tag, sei es bei der Piratenpartei, im Hackerspace oder im Alltag.

Der Mechanismus von dem ich rede ist Angst. Genauer gesagt: Angst vor „dem Fremden“, vor Neuen, vor Unbekannten.

Diese Angst scheint in fast jeder Gruppe zu existieren und fast jeder kennt sie, sie ist aber keinesfalls etwas mit dem man sich abfinden sollte oder die solche Vorkommnisse entschuldbar machen.

Ein erstes Beispiel: In der Piratenpartei gab es schon immer systembedingt Eintrittsphasen, viele Mitglieder kamen 2009 nach der Europawahl dazu, Andere kamen 2011 nach der Berlin-Wahl. In beiden Phasen gab es bei den Mitgliedern, die schon länger dabei waren, die selbe Reaktion: Man sprach von „Eintrittswellen“, „die Neuen“ wollten doch nur an die „Fleischtöpfe“ und so weiter.

Merkst du was? Fast genau die selben Wörter wie 1991, nur in anderem Kontext. Auch hier wird pauschal eine Gruppe (Die Neumitglieder), die anscheinend gerade sehr groß ist (in diesem Fall stimmt das sogar, es ist für diese Angst aber egal) und in eine bestehende Gruppe (der Piratenpartei) aufgenommen werden will pauschal unter den Verdacht gestellt keine guten Absichten zu haben oder diese ausnutzen zu wollen.

Ein zweites Beispiel: Ein Hackerspace in einer deutschen Großstadt ist sehr bekannt und hat sich einen Ruf über die Stadtgrenzen hinaus gemacht. Viele Menschen wollen mindestens ein mal da gewesen sein, viele Menschen die neu in die Stadt kommen wollen Mitglied werden. Zu irgendeinem Zeitpunkt bemerken immer mehr Leute neue Gesichter, wie aus dem nichts wird immer von „den Neuen“ geredet. Es werden Vorwürfe laut, dass diese ja nur da wären um „zu saufen“ und sie würden gar nicht verstehen was „die Idee“ dahinter ist. Auch interessant, es sind quasi die selben Vorwürfe wie in der sehr seltsamen Leitkultur-Debatte vor ein paar Jahren, auch hier wurde Menschen, die neu nach Deutschland gekommen sind, auch wenn man bei Kultur natürlich andere Zeiträume betrachten muss, vorgeworfen nur ihre vermeintliche Kultur (die natürlich ausschließlich negativ besetzt ist) leben zu wollen und sich nicht anzupassen.

Vermutlich kennt jeder Mensch solche Vorkommnisse, sei es aus der Schulklasse, wenn „der Neue“ kam oder aus größeren Gruppen wie Arbeitskreisen oder Crewtreffen, Stammtischen oder was auch immer. Auch kennen vermutlich fast alle dieses Problem von beiden Seiten, also als „Neuer“ und als „Alter“, also als Opfer und Täter.

Richtig gefährlich, bis hin zur Gewalt, wird so etwas, wenn man diesen „Neuen“ die Schuld für die eigenen Probleme gibt. Auch das hört sich erst mal seltsam an für den aufgeklärten Geist, aber auch in dieser Denkweise ist man sehr schnell gefangen: „Die neuen Mitglieder der Partei sind daran Schuld, das wir uns mehr streiten“ oder „Die Aliens im Hackerspace sind daran Schuld, dass wir nicht mehr so viel cooles Zeugs machen“ sind die ersten Anfänge, es ist aber die selbe Denkweise, die hinter „Die Ausländer sind daran schuld, dass ich keinen Job finde“ steckt, sie ist gefährlich und vor allem bequem. Man denkt gar nicht mehr darüber nach, wo die Probleme wirklich liegen, sondern schiebt es auf einen Sündenbock um Nichts ändern zu müssen.

Natürlich heißt das nicht, dass ich befürchte, dass man bald mit Mistgabeln und Fackeln hinter den dazugekommenen Piraten herzieht um sie zu vertreiben, aber es muss klar sein, dass wir am Ende genau die selben Argumentation nutzen wie Rechtsextreme und Populisten. Wir machen es uns einfacher in dem wir die Schuld bei Anderen suchen und nicht darüber nachdenken was die Ursachen unserer Probleme sind. Nur wer sich dieser Mechanismen und Schemata bewusst ist, kann sie auch verhindern!

Was denkst du?