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Kultur der Piraten

DER WEG ZUM KONKRETEN ERFORDERT DEN UMWEG ÜBER DIE ABSTRAKTION

Seit dem die Piratenpartei aus dem Kleinparteistatus herausgewachsen ist und wir langsam eine ernst zu nehmende Kraft werden, wird uns Piraten vorgeworfen, dass wir kein Programm hätten und keine Lösungen für die aktuellen politschen Probleme hätten. Zu großen Teilen stimmt das natürlich: Im Konkreten haben wir noch wenig ausgearbeitet, sei es über den Nahostkonflikt, sei es über die Schlecker-Rettung oder über das für und wieder von unterirdischen Bahnhöfen in einer mittelgroßen Stadt.  Außerdem wird proklamiert die Piratenpartei hätte ein Problem mit Rassismus, Sexismus und anderen menschenverachtenden Ideologien. Hier heißt es: Augen auf, Probleme erkennen und lösen!

Anstatt diese Probleme nur im Einzelnen zu betrachten, sollten Betrachter des Systems Piratenpartei, aber auch jedes Mitglieder selbst, mal einen Schritt zurück machen um das Ganze etwas abstrakter zu betrachten. Es gibt bei der Piratenpartei, wie bei jeder politischen Gruppe oder Partei, eine politische Kultur, die sich seit der Parteigründung 2006 immer weiterentwickelt, in der es drei Säulen gibt, die quasi unumstößlich sind:

  • Mitbestimmung. Die Piratenpartei will nicht nur mehr Mitbestimmung für die Menschen in diesem Land, sondern lebt sie auch in der Partei selbst. Jedes Mitglied darf und soll sich auch einmischen dürfen und über die Wege der Partei mitbestimmen, um dies zu erreichen braucht es eine möglichst große Transparenz, ein Informationsfluss, denn nur wer alle Fakten kennt kann auch mitreden. Dies führt unweigerlich zu einer möglichst gut funktionierenden Basisdemokratie und wiederum zu Entwicklungen wie Liquid Feedback.
  • Freiheit. Jeder Mensch soll frei sein, er soll über /für sich selbst entscheiden können und unter möglichst wenigen Zwängen leben können. Seine Freiheit soll nur wird nur  da eingeschränkt werden, wo sie die Grenze der Freiheit eines anderen Menschen überschreitet. Auch dies lebt die Piratenpartei, vor allem wird es deutlich an bestimmten Punkten im Grundsatzprogramm, wie zum Beispiel beim Thema Familienpolitik oder bei der Suchtpolitik. Über die Moral eines Menschen soll hier nicht der Staat entscheiden. Besonders bei sozialen Themen spielt die Freiheit eine Rolle, ein Mensch kann nur wirklich frei sein, wenn er auch weitgehend frei von Existenztängsten ist.
  • Leidenschaft. Viele Piraten sind mit viel Leidenschaft dabei, für die Sache, für eine andere Politik und für die Partei an sich. Dies führt zu sehr starker Identifikation mit der Partei, zu einer starken Aufopferung für die Partei und eine verdammt hohen Quote an Ehrenamtlichen.

Natürlich gibt es da auch Ausreißer, aber wer diese drei Säulen mal als Maßstab nutzt kann mit etwa 90%-iger Wahrscheinlichkeit Abstimmungsergebnisse vorhersagen. Natürlich führt diese Kultur auch zu Problemen, die man nicht vernachlässigen sollte:

  • Mitbestimmung kann dafür sorgen, dass jede Entscheidung in Frage gestellt wird, egal wer sie getroffen hat, sogar wenn sie von einem Bundesparteitag beschlossen wird. Natürlich müssen Positionen weiterentwickelt werden, es muss ein Abgleich stattfinden zwischen Ziel und tatsächlichen Stand der Dinge. Es hat sich gezeigt, dass ein komplettes Zurückrudern nie eine gute Idee ist. Einige Beispiele für dieses Problem, gibt es auch wieder auf dem kommenden BPT. Hier muss ein Lernprozess stattfinden, dass nicht jeder immer davon ausgehen kann, er hätte per se Recht. Ich meine ausdrücklich nicht, dass man Entscheidungen nicht in Frage stellen soll, gerade bei Vorständen, aber man sollte sich selbst fragen, ob das Infragestellen angemessen ist.
  • Freiheit ist ein sehr hohes Gut und wir müssen sie bewahren und ausbauen. Leider führt das starke Freiheitsdenken auch dazu, dass Einige meinen sie könnten sich alles herausnehmen und ihr Handeln mit dem Freiheitsgedanken rechtfertigen. Aber eben genau da endet die Freiheit des Einzelnen. Ich kann andere Menschen nicht erniedrigen und demütigen, sei es durch Sexismus, Rassismus oder Anderes und dann erwarten, dass die Gruppe mir das verzeiht, weil ja alle frei seien sollen, denn durch diese Erniedrigung, Beleidigung und Demütigung wird die Freiheit des Einen durch den Anderen beschnitten, sie oder er kann sich nicht mehr frei in seiner Persönlichkeit entfalten, da sie oder er Angst vor Repressionen des Anderen haben muss. So etwas kann natürlich auch unterbewusst statt finden, aber es sollte klar sein, dass man sich als Opfer von Rassismus, Sexismus oder Ähnlichem, nicht mehr komplett frei entfalten kann. Was man dagegen tuen kann, ist schwer zu sagen, auf jeden Fall muss man anfangen klare Grenzen aufzuzeigen. Die Piraten müssen anfangen die Grenzüberschreitungen aktiv zu verhindern und zu den bereitstehenden Mitteln wie Missbilligung, Entzug von Aufmerksamkeit oder Parteiausschlussverfahren, im äußerten Fall, greifen.
  • Leidenschaft ist wichtig, sie hilft uns auch mal Durststrecken zu meistern, sie sorgt für Motivation und dafür das wir effizient arbeiten können. Leider führt die starke Identifikation mit der Gruppe aber auch zu starken Nebenwirkungen: Die Gruppendynamik führt dazu, dass jeder der etwas gegen Piraten sagt stark angegangen wird, einzelne Piraten treten in der (Netz-)Öffentlichkeit auch als PiratXYZ auf und werden so zu Representaten der Gruppe, ohne diese im Gesamten zu vertreten, bzw. ohne sich über die Folgen klar zu sein. Diese Überidentifikation mit den Piraten finde ich immer wieder sehr erstaunlich, was man dagegen tuen kann, weiß ich nicht genau, da hilft wohl nur ein Zweithobby.

Zusammengefasst heißt das für meine Wünsche an die Piraten: Werden wir uns darüber klar, dass wir nicht perfekt sind! So einfach. Nicht alles ist „voll supi“! Wir müssen hart arbeiten und offen zu Problemen stehen.

Für das Programm heißt das: Lasst uns weiter daran arbeiten, in dem wir uns auf unsere Kultur berufen und neue, konkrete Positionen entwicklen. Bestehende Positionen müssen überdacht und verbessert werden um Rückschritte zu vermeiden. Unsere politische Kultur verlangt dies von uns, um unseren Idealen, Zielen und unserer Idee von Politik, gerecht zu werden. Es gibt genug zu tun, packen wir es an.

4 Responses to “Kultur der Piraten”

  1. Vor allem diese Passage spricht mir aus der Seele: „Diese Überidentifikation mit den Piraten finde ich immer wieder sehr erstaunlich, was man dagegen tuen kann, weiß ich nicht genau, da hilft wohl nur ein Zweithobby.“

    Allerdings fällt mir auch nicht mehr als ein „Zweithobby“ als Lösung ein. Bei einigen Vertretern hat man zunehmend das Gefühl, dass per se alles, was nicht von der Piratenpartei kommt, eine große Verschwörung sei und alle anderen Politiker sowieso nur Idioten sind. Das wird uns früher oder später um die Ohren fliegen. Hier vermisse ich oft etwas mehr Demut und vor allem Respekt.

  2. Das hast Du fein zusammengefasst – so habe ich es auch mit meinen Schülerinnen und Schülern gehalten: Größtmögliche Freiheit und Selbstbestimmung, solange das Miteinander nicht gefährdet wurde oder die Freiheit eines anderen Lebewesens eingeschränkt wurde.
    Prima.

  3. Klaus swanro Sohl

    Also Herr Plätz,
    das war eine sehr gut Rede. Besser könnte die Rede eines Kandidaten für den BuVo gar nicht sein.

    Also überleg dir mal ob es nicht besser wäre zum BuVo zu kandidieren als den Versammlungsleiter zu machen.
    Obwohl, dann würde da was fehlen.
    Wäre ich Pirat, würde ich Plätzchen als BuVo sehen wollen. Bin aber noch keiner.

    • plaetzchen

      Vielen Dank für die Blumen, aber ich denke, da gibt es bessere als mich. Ich bedanke mich aber für sein Lob.

Was denkst du?