Wahlkampfauftakt der Piratenpartei

Auf dem Weg zur Volkspartei?

Die Piratenpartei ist gerade auf einem Höhenflug, keine Frage. Eine Umfrage von FORSA – im Auftrag des Sterns – sieht uns bei 12%, andere bei 8% oder 9% bundesweit. Eine krasse Zahl. Als ich bei den Piraten angefangen habe, standen wir bei ~2% und waren eine Kleinpartei, mit großen Ambitionen, mit einer klaren Vision, aber auch mit verdammt viel Optimismus. Natürlich hatten wir alle das Ziel Bundestag im Auge, aber dass es so schnell gehen kann auf diesem Weg, hätte ich nie gedacht. Warum das nun so ist, ich weiß es nicht. Klar wurden wir in Berlin in ein Parlament gewählt, jetzt auch im Saarland, das mag der Auslöser für gute Zahlen im Bund sein, aber ist es der Grund? Wohl eher nicht, sogar ganz sicher nicht. Genau diesen Grund werden wir wohl auch nicht so schnell finden können, wir können ihn nur suchen.

Passend zu den 12% gab es einen Parteienforscher, der uns mit Blick auf unsere fehlende Klientel, eine „Mini-Volkspartei“ nannte. Volkspartei, was heißt das? Wenn man Wikipedia fragt, ist das eine Partei, „die für Wähler und Mitglieder aller gesellschaftlicher Schichten und unterschiedlicher Weltanschauungen im Prinzip offen ist“. Also im besten Fall viele Meinungen zulässt und mit allen diskutieren möchte; aber eigentlich meint es natürlich auch was anderes, nämlich eine Partei – wie die SPD – die kantenlos ist, die es jedem recht machen will, egal ob links, ob rechts, egal ob liberal oder autoritär.

Aber genau das kann nicht das Ziel der Piraten sein. Ja, wir haben keine Klientel, die uns trägt – wie die Grünen  deren Wähler zu großen Teilen höhere Beamte und Lehrer sind – sondern werden – augenscheinlich – von der „Mitte der Gesellschaft“ gewählt. Und ja, das ist gut, aber deshalb dürfen wir nicht belanglos werden. Nur, weil man in einer Umfrage 12% bekommt, sollte man nicht anfangen, seine Prinzipien und Methoden zu streamlinen und auf zu Utopien verzichten! Genau diese „verrückten“ Methoden, diese komplett „falsche“ Vorgehensweise, also nicht – wie die anderen mit Delegierten einen Spitzenkandidaten mit 99,7% zu wählen, nicht den Bundesvorstand mit Blumen und 30 Minuten Applaus mit 98% wieder zu wählen, hat uns soweit gebracht. Wir müssen uns weiter trauen, zu spinnen und Utopien zu formulieren, die vielleicht verrückt klingen, die vielleicht nicht morgen umsetzbar sind, aber hinter denen wir stehen. Wir müssen es wagen komplett verrückt zu sein und so viel wie möglich nicht mitzuspielen in den üblichen Medienspielen der großen 5 (OK, 4) Parteien.

Was das aber nicht heißen soll ist: Ausruhen und mal alles kommen lassen – 12% sind eine Erwartungshaltung, die es zu erfüllen gilt, keine Versicherung. Das heißt: Arbeiten und professioneller werden, nicht im Sinne von aalglatt werden, sondern im Sinne von: Wissen, wie der Hase läuft, mit allem rechnen, sich nicht überraschen lassen von Gepflogenheiten. Jeder, der für die Piraten in den Bundestag will, sollte wissen auf was er sich da einlässt, wie ein Parlament funktioniert und wie der Bundestag im Speziellen. Ja, Planung ersetzt Zufall durch Irrturm, aber das heißt nicht, dass man nicht vorbereitet seien kann.

Genau diese Ansprüche stelle ich auch an mich selbst. Ich möchte, wenn ich etwas mache, es richtig machen und bin immer von mir selbst enttäuscht wenn das mal nicht der Fall ist. Genau mit diesen Vorbereitungen fange ich gerade für mich an, denn ich kandidiere! Ja, ich möchte für die Piratenpartei in den Bundestag und dort professionell kantige Politik machen.

tl;dr: Piraten sollten so bleiben, wie sie sind, und nicht zur beliebigen Volkspartei mutieren. Ich möchte für die Piraten im Bundestag professionell kantige Politik machen. 

Update:

Als Antwort auf Hase: Natürlich ist es gut für eine möglichst breite Schicht wählbar zu sein und natürlich muss eine Volkspartei nicht beliebig sein, die Idee dahinter, nicht eine Klientel zu vertreten sondern alle Menschen in einem Land ist sehr richtig. Was ich meine ist der Begriff der Volkspartei von heute, die Volksparteien sind CDU und SPD, die beide in eine Partei verschmelzen könnten und es fällt keinem auf, diesen Zustand müssen wir verhindern. Auch du, Hartmut, kannst den Grund nicht benennen, nur einen Auslöser und eine diffuse Lage, die dazu führt. Ja es stimmt, viele sind unzufrieden und wir haben den Bonus des Anfängers und unverbrauchten Neulings, auch des Unbelasteten, aber das sind keine wahren Gründe. Mit der Analyse des Priol bin ich zufrieden, aber ich halte es nur für die halbe Wahrheit.

Die Begründung: „Wir haben es satt!“ ist mir zu BILD-Zeitung. Ich bin zu den Piraten aus purem egoistischem Denken: „Das kann ich besser“ Ich glaube, so geht es vielen: Sie sehen die heutige Politik und denken sich: „Fuck this shit! Das geht besser.“ Das sollte der Grund sein, jedenfalls meiner Meinung nach.

3 Responses to “Auf dem Weg zur Volkspartei?”

  1. Ich denke, du verstehst das Wort Volkspartei falsch:

    Volkspartei heißt, dass man mehr als Klientelpolitik macht. Wenn wir eine neue Art, Politik zu machen, sind wir so erstmal mehreren Klientelen offen (im Gegensatz zu den Grünen, die ursprünglich ’nur‘ ihrer Klientel, also salopp und überspitzt gesagt den Ökos und den Pazifisten, politische Mitsprache versprachen.

    Unser Ansatz geht über die ursprüngliche Klientel (Netzgemeinde) hinaus, und spricht, anscheinend mehr als es die Grünen jemals gemacht haben, mehr als eine Klientel an. Klar, jetzt könnte man sagen, dass unsere Klientel dann halt nicht mehr die Netzgemeinde ist, sondern all diejenigen, die die Politik zu Gunsten von mehr Mitsprache außerhalb von Wahlen wünschen. Aber diese Gruppe ist so weit gefasst, dass sie Individuen aus vielen verschiedenen Lebenslagen, und mit sehr unterschiedlichen Partikularinteressen umfasst. Daraus zu konstruieren, dass wir dann zwangsläufig so werden müssen wie die anderen ‚Volksparteien‘ halte ich für eine gewagte, um nicht zu sagen falsche, These. Im Prinzip verwechselst du die ursprüngliche Aussage der Bezeichnung Volkspartei mit dem, zu dem CDSU und SPD geworden sind.

    • plaetzchen

      Das stimmt, das, was der ursprüngliche Begriff der Volkspartei bezeichnet ist ja auch ein richtiger, guter Zustand, nur, so glaub ich, führt das dann sehr schnell zu dem was die Volkspartei heute ausmacht.

  2. […] den Piraten selber geführt wird. Philip Brechler aus dem Vorstand der Piraten in Münster schreibt in seinem Blog: Piraten sollten so bleiben wie sie sind und nicht zur beliebigen Volkspartei mutieren. Ich möchte […]

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